Steffen Kampeter - Ist der Mittelstand bereit für die digitale Zukunft?

Veröffentlicht: 22.10.2019

Zusammenfassung: Der digitale Wandel ist in den deutschen Unternehmen schon heute in vollem Gange. Neue digitale Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI) verändern Prozesse in Produktion, Entwicklung oder Vertrieb.

Auch wenn die Bedeutung zuweilen inflationär betont wird: Digitalisierung ist kein Modethema. Der digitale Wandel ist in den deutschen Unternehmen schon heute in vollem Gange. Neue digitale Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI) verändern Prozesse in Produktion, Entwicklung oder Vertrieb. Neue Geschäftsmodelle haben das Potenzial, ganze Branchen durchzurütteln.

Wo führt die digitale Reise hin?

Auch der Mittelstand steckt mittendrin in dieser digitalen Transformation. Zwar haben sich zahlreiche kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) schon erfolgreich auf den Weg in die digitale Zukunft gemacht. Aber bei vielen ist auch noch deutliche Unsicherheit zu spüren.

Wir alle wissen nicht genau, wo die digitale Reise hinführt. Trotzdem wird sich kein Unternehmen dem digitalen Wandel entziehen können. Im Gegenteil: Wer die Chancen der Digitalisierung für sich nutzt, wird in Zukunft im Wettbewerb die Nase deutlich vorn haben.

Der Wandel muss flächendeckend in die KMU

Die Digitalisierung des Mittelstands ist aber nicht nur eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit einzelner Unternehmen. Die mittelständischen Unternehmen gelten nicht umsonst als das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. 99 Prozent aller Unternehmen in Deutschland sind KMU. Und mehr als 60 Prozent aller Beschäftigten arbeiten dort. Der digitale Wandel der deutschen Wirtschaft kann also nur dann zum Erfolg werden, wenn die Digitalisierung auch flächendeckend in den KMU gelingt. Deshalb muss die Politik den Mittelstand im Hinblick auf ihre Digitalstrategien endlich stärker in den Blick nehmen. Denn die Herausforderungen für die deutsche Wirtschaft sind in Sachen Digitalisierung enorm - für den Mittelstand sind sie aber ganz besonders groß.

Kaum ein Thema brennt den Unternehmerinnen und Unternehmern mit Blick auf die Digitalisierung mehr unter den Nägeln als der Fachkräftemangel. Schon heute fehlen in Deutschland alleine im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) mehr als 300.000 Fachkräfte - davon rund 40.000 Informatiker. Der Kampf um die besten Köpfe wird dabei global geführt. KMU können hier vor allem in Sachen Gehälter oftmals mit internationalen Digitalriesen wie Google oder Amazon, aber auch mit hiesigen Großkonzernen nicht mithalten. Hier ist die Politik besonders gefordert. Mit der Umsetzung des Fachkräfteeinwanderungsgesetzeshat die Bundesregierung einen wichtigen Schritt im Kampf gegenden Fachkräftemangel getan. Denn gerade für KMU ist es wichtig,dass im Ausland angeworbene Spezialisten schnell und unbürokratisch in Deutschland ihre Arbeit aufnehmen können.

Entscheidend wird in den nächsten Jahren aber sein, auch das inländische Fachkräftepotenzial noch stärker zu Bildung ist - wie auf vielen anderen politischen Handlungsfeldern auch - der entscheidende Schlüssel, um unser Land fit für die digitale Zukunft zu machen. Wie uns das gelingt? Wir müssen das Thema Digitalisierung breit auf allen Bildungsebenen, von der Grundschule bis hin zu Berufsschule und Universität, verankern. Denn hier wachsen die Fachkräfte von morgen heran. Ein grundlegendes Verständnis für digitale Technologien sollte deshalb ebenso zur Allgemeinbildung gehören wie Rechnen, Lesen und Schreiben.

Bereits in der Schule muss der Grundstein gelegt werden, um im späteren Erwerbsleben schnell und flexibel auf technische Veränderungen reagieren zu können. Kindern und Jugendlichen müssen digitale Methodenkompetenzen vermittelt werden, insbesondere auch mit Blick auf entsprechende Lehrmethoden und -materialien, die fächerübergreifend in den Schulunterricht integriert werden. Dazu müssen die Schulen entsprechend technisch ausgestattet sein - angefangen von WLAN und Lehrer-Tablets bis hin zu interaktiven Lern-Apps.

Der Digitalpakt war hier ein erster, notwendiger Schritt. Wichtig ist jetzt, dass digitale Inhalte und Kompetenzen sinnvoll in die Lehrpläne integriert, Lehrkräfte entsprechend geschult und ausgebildet sowie junge Menschen bereits in der Schule für digitale Berufe begeistert werden. Informatik sollte deshalb als Wahl- oder Profilfach an allen Schulen angeboten werden. So können schon früh Neugierde und Verständnis für die Möglichkeiten digitaler Technologien spielerisch und klischeefrei geweckt werden. Dafür muss der Informatikunterricht in der Schule aber auch anwendungsorientiert gestaltet und mit der Erfahrungswelt der Kinder und Jugendlichen verknüpft werden.

Brücke zur praktischen Ausbildung im Betrieb

Die Berufsschulen sind eine gerade für Mittelständler unverzichtbare Säule im System der dualen Ausbildung und wichtige Partner für die Betriebe. Sie müssen bei Förderprogrammen und Initiativen des Bundes, der Länder und der Kommunen zur digitalen Ausstattung ebenso wie die allgemeinbildenden Schulen berücksichtigt werden. Hohe Priorität müssen zudem die Sicherung des Lehrkräftenachwuchses an den Berufsschulen und deren Aus- und Fortbildung im Kontext der Digitalisierung haben. Gleiches gilt für das duale Studium, das sich in Deutschland immer größerer Beliebtheit erfreut.

Gerade für mittelständische Unternehmen eröffnet sich dabei die Möglichkeit, eine Brücke zwischen Studium und praktischer Ausbildung im Betrieb zu schlagen. Diese Möglichkeit gilt es auch politisch weiter zu stärken.

Ernst machen mit der Digitalisierung der Verwaltung

Der digitale Wandel stellt aber auch die betriebliche Weiterbildung vor enorme Herausforderungen. Denn wer auf dem Arbeitsmarkt keine geeigneten digitalen Fachkräfte findet, muss sie im eigenen Unternehmen "heranziehen". Dabei sind die digitalen Kompetenzen in vielen Unternehmen, insbesondere auch in KMU, noch viel zu wenig vorhanden. Das gilt vor allem für die Industrie, dem Innovationstreiber schlechthin, gerade auch im deutschen Mittelstand. Um im digitalen Wettbewerb auch weiterhin an der weltweiten Spitze mitzuspielen, müssen KMU deshalb schon heute in die digitale Weiterbildung ihrer Belegschaft investieren. Helfen können hier zum Beispiel digitale Lernangebote wie spezialisierte Onlinekurse, die zielgenau die benötigten digitalen Kompetenzen vermitteln. Dennoch werden die durch den digitalen Wandel notwendigen Weiterbildungsmaßnahmen für viele KMU ein finanzieller Kraftakt. Hier sollte die Politik die Unternehmen zum Beispiel durch eine steuerliche Förderung von betrieblichen Weiterbildungsmaßnahmen unterstützen.

Die Einführung digitaler Prozesse und Technologien erfordert häufig auch eine Veränderung der Arbeitsorganisation im Betrieb. Gerade KMU sind hier auf die Möglichkeit flexibler Lösungen angewiesen. Tritt zum Beispiel bei einem Kunden in einem Werk in Mexiko ein technischer Fehler im Produktionsprozess auf, muss der Ingenieur aus Deutschland sich im Notfall auch flexibel am Abend noch online zuschalten können, um bei der Fehlerbehebung zu unterstützen. Nach geltendem Arbeitszeitgesetz wäre ihm dies in der Regel nicht erlaubt.

Hier muss das Arbeitszeitgesetz endlich an die Realitäten des digitalen Zeitalters angepasst werden. Was der Mittelstand im digitalen Wandel ganz bestimmt nicht gebrauchen kann, sind noch mehr unnötige bürokratische Belastungen. Allein die europäische Datenschutzgrundverordnung ist für viele KMU zu einer ärgerlichen Dauerbaustelle geworden. Statt also über neue Belastungen, wie ein Recht auf Homeoffice, nachzudenken, sollte die Politik endlich ernst machen mit der Digitalisierung der Verwaltung. Denn ein unkomplizierter, elektronischer Austausch mit den Behörden würde den Mittelstand enorm entlasten und die Digitalisierung zum Beispiel im Personalwesen deutlich beschleunigen.

Die Liste der weiteren offenen Baustellen ist lang. Ganz oben steht das Thema Netzinfrastruktur. Das erste, das mir oft auffällt, wenn ich vor Ort bei Unternehmen im ländlichen Raum bin, ist der schlechte Handyempfang in den Gewerbegebieten. Häufig kann man froh sein, überhaupt Netz zu haben. Dabei sind 5G und Breitband unverzichtbare für den Erfolg von Industrie 4.0. Wir brauchen endlichschnelles Netz auch auf der grünen Wiese. Hier herrscht akuter Handlungsbedarf. Ansonsten werden viele Mittelständler im internationalen Wettbewerb nicht mehr mithalten können oder ihrenStandort in Ballungsräume verlegen, wo sie Zugang zur notwendigen Infrastruktur haben. Beides kann weder im Sinne der Politik, noch desregional oft tief verwurzelten Mittelstands sein.

Der Mittelstand steht im digitalen Wandel nicht nur im Wettbewerb mit traditionellen Industriekonzernen, sondern zunehmend auch mit den digitalen Riesen aus China und den USA. Diese investieren enorme Summen in Forschung und Entwicklung und haben dank eigener Cloudtechnologien und Plattformen Zugang zu riesigen Datenmengen. Damit der Mittelstand hier auch in Zukunft mithalten kann, sollte die Politik die Forschung gerade auch in KMU stärken. Die von der Bundesregierung beschlossene Förderung von Forschung und Entwicklung in Unternehmen ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Darüber hinaus gilt es, den Transfer von wissenschaftlichen Ergebnissen in die mittelständische Wirtschaft zu stärken. Zudem sollten mittelständische Unternehmen dabei unterstützt werden, gemeinsame Dateninfrastrukturen zu errichten, um in Sachen Big Data den Digitalkonzernen etwas entgegen setzen zu können. Schließlich gilt es, den Mittelstand bei Investitionen in digitale Technologien zu unterstützen. Denn gerade bei der Digitalisierung ganzer Produktionsanlagen sind oft hohe Investitionssummen nötig. Manche Maschinen haben eine Lebensdauer von über 20 Jahren.

Für viele KMU ist der digitale Wandel deshalb vor allem auch eine finanzielle Herkulesaufgabe. Die bereits bestehenden, erfolgreichenFörderprogramme für die Digitalisierung des Mittelstands sollten daher noch weiter ausgebaut werden.

Wir brauchen jetzt mutige Entscheidungen

Immer mehr mittelständische Unternehmen haben die Chancen des digitalen Wandels erkannt und investieren in digitale Prozesse, Technologien und Geschäftsmodelle. Zahlreiche Hidden Championssind sogar dabei, dank Digitalisierung ihre Stellung als Weltmarktführer noch auszubauen. Dennoch gibt es im Mittelstand noch erheblichen Nachholbedarf. Denn gerade KMU stehen mit Blick auf die Digitalisierung vor enormen Herausforderungen. Der digitale Wandel wird im Mittelstand nur dann zum Erfolg werden, wenn die Politik die richtigen Rahmenbedingungen die Unternehmen schafft.

Dabei ist Eile angesagt. Die Schnelligkeit des digitalen Wandels ist enorm. Wenn wir in Deutschland im Wettbewerb mit China und den USA bestehen wollen, dann brauchen wir jetzt mutige Entscheidungen. Die Zeit der digitalen Strategiepapiere muss endgültig vorbei sein.

Was die mittelständischen Unternehmen brauchen, ist jetzt endlich konkretes Handeln.